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Zucker

Zucker-Mythen im Faktencheck

Was ist wahr und was ist falsch? Rund um den Nährstoff Zucker gibt es eine Bandbreite von pauschalen Aussagen, die mit wissenschaftlicher Brille betrachtet haltlos sind. Wir haben uns die Vorwürfe angeschaut und klären, was dran ist.

1. Brauchen wir Zucker?


Was ist eigentlich Zucker? Im Zutatenverzeichnis ist „Zucker“ die Saccharose, also der weiße Haushaltszucker, wie wir ihn alle zum Backen und Kochen verwenden. In der Nährwerttabelle werden unter „Zucker“ alle Einfach- und Zweifachzucker zusammengefasst, also neben der Saccharose auch Fructose (Fruchtzucker), Lactose (Milchzucker), Glucose (Traubenzucker) usw. All diese Zucker sind Kohlenhydrate. Und Kohlenhydrate sind für den Menschen ein wesentlicher Bestandteil der Nahrung und ein lebenswichtiger Energielieferant. Allein das Gehirn benötigt etwa 120 g Glucose pro Tag. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE) empfiehlt, täglich ca. 50 Prozent der Nahrungsenergie durch Kohlenhydrate aufzunehmen. Zucker sollte dabei in Maßen aufgenommen werden.

Das heißt: Wir brauchen Kohlenhydrate für eine gesunde körperliche und geistige Entwicklung. Aus welchen Quellen wir diese Kohlenhydrate beziehen, liegt im Ermessen des Einzelnen.

2. Zuckerverzehr und Kalorienaufnahme – nehmen wir immer mehr auf?


Die Absatzzahlen für Zucker, also Saccharose, bewegen sich seit über 40 Jahren auf einem konstanten Niveau. Absatzzahlen sind allerdings nicht mit Verzehrsdaten gleichzusetzen. Dies gilt in besonderer Weise für ein Erzeugnis wie Zucker, das nicht allein als Nahrungsmittel verwendet wird, sondern z. B. auch als wichtiger Grundstoff für die chemische Industrie oder die Bioethanolgewinnung dient. Der tatsächliche Verzehr von Zucker und zuckerhaltigen Lebensmitteln liegt deutlich unter den Absatzzahlen.

Laut Ernährungsbericht 2012 beträgt die Aufnahme von Einfach- und Zweifachzuckern bei Männern insgesamt 19,3 Prozent (= 109 g/Tag) und bei Frauen 24 Prozent (= 101 g/Tag) der täglichen Gesamtenergiezufuhr. Betrachtet man nur die Saccharose, so beträgt die Aufnahmemenge bei Männern 9,7 Prozent (= 55 g/Tag) und bei Frauen 11,6 Prozent (= 49 g/Tag) der täglichen Energiezufuhr, d. h. pro Jahr und Kopf 18 bis 20 Kilogramm. Die Daten basieren auf der repräsentativen Nationalen Verzehrsstudie II (NVS II), die vom Max Rubner-Institut (MRI) im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) zwischen 2005 und 2006 durchgeführt wurde.

Was wir zudem wissen: Die deutsche Bevölkerung nimmt heute nicht mehr Kalorien auf als früher, das zeigt ein Vergleich der DGE-Ernährungsberichte von 1996 und 2012. In den Jahren 1985 bis 1989 haben Frauen im Durchschnitt pro Tag 1.838 kcal aufgenommen. In den Jahren 2005 bis 2007 waren es 1.683 kcal. Die Männer nahmen in den Jahren 1985 bis 1989 durchschnittlich 2.422 kcal auf und von 2005 bis 2007 dann nur noch 2.252 kcal.

[Anmerkung, 30. August 2017, 17:00 Uhr: Das MRI hat in einer Stellungnahme gegenüber der Kampagnenorganisation Foodwatch erklärt, dass die zugrundeliegenden Daten aus der NVS I und der NVS II nicht 1:1 miteinander verglichen werden können, u.a. weil bei der NVS I nur Daten in Westdeutschland erhoben wurden, bei der NVS II hingegen in der inzwischen wiedervereinigten, gesamten Bundesrepublik Deutschland.]


3. Kann Zucker süchtig machen?


Augen und Ohren auf bei der Wortwahl! Den Nährstoff Zucker auf eine Stufe zu stellen mit Drogen ist abenteuerlich. Richtig ist, dass natürliche Belohnungen wie beispielsweise schöne Musik oder sportliche Erfolge bewirken, dass in unserem Gehirn der Botenstoff Dopamin, der umgangssprachlich auch als „Glückshormon“ bezeichnet wird, freigesetzt wird. Diese Dopaminausschüttung sorgt für Wohlbefinden. Zu den positiven Erlebnissen gehört natürlich auch ein leckeres Essen, ganz gleich ob herzhaft oder süß. (1)

Aber daraus die Behauptung abzuleiten, Zucker könne süchtig machen, ist wissenschaftlich nicht korrekt. Im Gegenteil: Die internationale Forschergruppe NeuroFAST (2) kommt in ihrem Konsensus-Papier zu dem Schluss, dass es keine wissenschaftliche Evidenz für die Behauptung gibt, einzelne Nährstoffe wie z. B. Zucker könnten süchtig machen.

Für eine Substanzabhängigkeit – das Wort „Sucht“ wird in der Fachwelt nicht mehr verwendet – gibt es eine klare Definition gemäß des Statistischen Handbuchs Psychischer Störungen (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders – DSM), wonach mehrere Kriterien über einen langen Zeitraum (Monate) zutreffen müssen, bevor man von einer Sucht spricht. Nach dieser Definition hat Zucker eindeutig kein Suchtpotenzial. (3)

Das heißt: Von einer Zuckersucht im Sinne einer Abhängigkeit kann man nicht sprechen.

4. Sind zuckerhaltige Getränke für Übergewicht verantwortlich?


Einzelne Lebensmittel und Lebensmittelgruppen sind nicht für die Entstehung von Übergewicht verantwortlich, so lange sie in einem vernünftigen Maß und im Rahmen einer ausgewogenen Ernährung verzehrt werden. Wenn ich zu viel esse, sei es Zucker, Fett oder auch Eiweiß, ist das nie gesund und kann bei einseitiger Ernährung auch zu einem Nährstoffmangel führen. Deshalb ist es wichtig, ein Bewusstsein für Ausgewogenheit zu schaffen ohne bestimmte Lebensmittel zu verdammen.

Das heißt: Übergewicht hat viele Ursachen, entscheidend ist die gesamte Lebensweise.

5. Zeigt eine Zuckersteuer Wirkung?


Um die Übergewichtsproblematik in den Griff zu bekommen, hat die mexikanische Regierung Anfang 2014 eine Steuer auf zuckerhaltige Erfrischungsgetränke eingeführt, mit dem Ziel, dass die Verbraucherinnen und Verbraucher weniger dieser Getränke konsumieren sollen. Im ersten Jahr nach der Einführung ist der Absatz der besteuerten Getränke um sechs Prozent zurückgegangen. Diese kurzfristigen Veränderungen der Verkaufszahlen beruhen jedoch auf rein hypothetischen Annahmen der Absatzentwicklung. (4) Inwieweit dies jedoch Auswirkungen auf das Ernährungsverhalten, die Kalorienaufnahme insgesamt und das Körpergewicht hat, wurde nicht untersucht und ist nicht bekannt.

Das heißt: Die Zuckersteuer zeigt Wirkung hinsichtlich des Absatzes, aber positive Gesundheitseffekte sind nicht nachgewiesen.

Was wirklich hilft…


… sind keine Verbote, Schuldzuweisungen oder Eingriffe des Staates in die freie Marktwirtschaft.

Eine wesentliche Voraussetzung für die effektive Übergewichtsprävention ist das Bewusstsein der Verbraucherinnen und Verbraucher, gesundes Ess- und Bewegungsverhalten auch tatsächlich umzusetzen. Denn am Ende des Tages entscheidet jeder allein, wie er seine Ernährung und seinen Lebensstil gestaltet. Wir stehen täglich, nicht nur beim Essen, vor der Wahl zwischen Vernunft und Genuss, zwischen „mit Freunden ausgehen“ und „zum Sport gehen“. Diese Entscheidung sollte und möchte jeder für sich selbst treffen.

Maßnahmen zur Gesundheitsförderung sollten deshalb durch Bildung und Aufklärung erfolgen. Transparenz und Information sind erforderlich. Die Lebensmittelhersteller tragen ihren Teil dazu bei, auf allen verpackten Lebensmitteln sind die Zutaten und die Nährwerte angegeben.


Quellen


  1. Benton, David: Macht Zucker süchtig? In: Moderne Ernährung heute. Wissenschaftlicher Pressedienst 3/2010, Hrsg. R. Matissek, Lebensmittelchemisches Institut (LCI) des Bundesverbandes der Deutschen Süßwarenindustrie, Köln
  2. NeuroFAST ist ein multidisziplinäres Forschungsprojekt, an dem 13 Forschergruppen aus 17 europäischen Ländern beteiligt sind (www.neurofast.eu) / NeuroFAST consensus opinion on food addiction; 2013: http://neurofast.gu.se/consensus
  3. American Psychiatric Association: Desk Reference to the Diagnostic Criteria From DSM-5. 2013
  4. Colchero M. A., Popkin B. M., Rivera J.A., Ng S.W.: Beverage puchases from stores in Mexico under the excise tax on sugar sweetened beverages: observational study. BMJ 2016;352:h6704 |doi: 10.1136/bmj.h6704.


Stand:
30.08.2017



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