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Lebensmittelsicherheit

BfR-Präsident Prof. Dr. Dr. Andreas Hensel: "Die meisten Menschen schätzen Risiken falsch ein"

Der Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) setzte sich in seinem Vortrag mit der "Lebensmittelsicherheit zwischen Weltanschauung und globalisiertem Handel" auseinander. Er bemängelte das Fehlen eines Diskurses über Risiko und Sicherheit.

Das Problem sei, dass das Sicherheitsgefühl subjektiv und durch eine selektive Risikowahrnehmung geprägt sei. Vor allem Lebensmittel stünden an zentraler Stelle bei den persönlich empfundenen Risiken, was vielleicht auch daran liege, dass viele Menschen diese nicht richtig einordnen könnten, so der BfR-Präsident. So ignorieren die meisten persönliche Risiken Snowboarden oder Sonnenbaden. Viele überschätzen das Risiko von Pestiziden und unterschätzen das von Pflanzen aus der Natur. Hensel sprach hier von "intuitiver Toxikologie" und rechnete den Gästen der BLL-Veranstaltung vor, dass das theoretisch errechnete "Gesundheitsrisiko" des Verzehrs eines halben Blatts Basilikum genauso hoch sei, wie der Genuss von 70 halben Liter Bier über ein Jahr verteilt.

"Es bestehen große Herausforderungen durch die Globalisierung"


Hensel sah große Herausforderungen in der heutigen Globalisierung. Im Hinblick auf die hohe Sicherheit deutscher Lebensmittel und dem weltweiten Interagieren von Land- und Ernährungswirtschaft hinterfragte er: "Wir regulieren in Deutschland sehr streng und dabei frage ich mich, was eigentlich in anderen Ländern passiert." Eine weltweite systematische Untersuchung von Lebensmitteln sah er jedoch als nicht machbar an.



"Wenn Sie fragen, vor welchen Lebensmittelrisiken sich der Verbraucher fürchtet, sehen Sie, dass es vor allem "Vergiftungen" sind."


Die Geschmäcker in den verschiedenen Ländern seien zwar unterschiedlich - vom Isländer Eishai über schwedischen milchsauren Hering, die Ängste der Verbraucher wären aber ähnlich: "Wenn in der Meinungsumfrage "Eurobarometer" europaweit gefragt wird, vor welchen Lebensmittelrisiken sich der Verbraucher fürchtet, sehen Sie, dass es vor allem um die Angst vor "Vergiftung" geht: Lebensmittelvergiftung, Chemikalien, Pestizide, Lebensmittelzusatzstoffe, Verschmutzungen oder sekundäre Kontaminationen stehen ganz vorn."


"Heutzutage ist die Auswahl, frische und leckere Lebensmittel auszusuchen, der höchste Genuss."


Ein anderes Ergebnis der Eurobarometeruntersuchung zeigt, mit welchen Aspekten der Verbraucher heute Lebensmittel verbindet: die Auswahl, frische und leckere Lebensmittel auszusuchen und zu kaufen, sei heutzutage der höchste Genuss. Danach folge, diese Mahlzeit mit Freunden und Familie zu genießen: "Man will nicht satt werden, sondern verbindet eigentlich freudvolle Ereignisse mit dem Essen. Allerdings käme das "Sorgen machen" dann gleich dahinter", erklärte Hensel. Die Überprüfung der Kalorien und Nährstoffe verbinden über 50 % der Befragten mit dem Essen.


"Sie können nicht jedes Schnitzel untersuchen."


Die Verantwortlichkeit für die Lebensmittelsicherheit sieht das BfR in einer so komplexen Welt nicht allein beim Staat. Hensel nannte folgendes Beispiel: "Selbst wenn es von NGOs gefordert wird, können Sie nicht jede Futtermittelcharge untersuchen, schon gar nicht auf Dioxin. Sie können auch nicht jedes Schnitzel untersuchen." Mit der Aufnahme in die Basis-Verordnung 2002 sei die gesetzliche Grundlage dafür geschaffen worden, dass die Hersteller für die Sicherheit verantwortlich seien. Das bedeute einerseits, dass die Gewährleistung der Sicherheit eine größere Rolle spiele. Es bedeute aber auch für alle, dass die Entscheidungen immer mehr von Unsicherheit geprägt seien.


"Wenn Sie es mit Krisen zu tun haben, die durch Lebensmittelrisiken ausgelöst werden, haben Sie es immer mit der kollektiven Gefühlslage einer Population zu tun."


Der BfR-Präsident erläuterte: "Sicherheit ist ein menschliches Grundbedürfnis, und die Gewährleistung von Sicherheit sollte die Unsicherheit minimieren. Das bedeutet dann aber auch, dass man Sicherheitsziele hierarchisieren muss." Das Problem sei jedoch, dass das Sicherheitsgefühl ein individuelles Empfinden sei: "Wenn Sie es mit Krisen zu tun haben, die durch Lebensmittelrisiken ausgelöst werden, haben Sie es immer mit der kollektiven Gefühlslage einer Population zu tun. Man muss sich darüber klar sein, dass dies ganz stark mit der Wahrnehmung und den Gefühlen zu tun hat und nicht nur mit Zahlen und Ratio."

"Hundertprozentige Sicherheit kann man nicht erreichen."


Ohnehin sei Sicherheit immer relativ, erklärte Hensel weiter. Eine hundertprozentige Sicherheit könne man nicht erreichen. Das sei das Paradoxon: "Ein Staat, der alle Risiken ausschließen soll, muss alles wissen, alles können oder dürfen. Das wäre dann allerdings das Ende jeder Freiheit!"

"Ein Stoff an sich kann "giftig" sein, die Dosis aber entscheidet."


Hinzu käme die Problematik der Vorsorgeschwelle, deren darunter liegende Werte als vernachlässigbares Risiko schwer vermittelbar seien. Entscheidend sei die Konzentration, so Hensel: "Deshalb bin ich auch ein Vertreter der expositionsbezogenen Risikobewertung. Der Stoff an sich kann "giftig" sein, die Frage ist jedoch, wie viel davon in einem Lebensmittel enthalten ist und wie oft oder wie intensiv man dem Stoff ausgesetzt ist. Wir hatten vorhin unter Bezug auf Radioaktivität gehört, dass es in Deutschland kein Lebensmittel ohne Radioaktivität gebe. Wir müssen nur lange genug messen, irgendwo gibt es immer einen Kernzerfall." Mit Dioxin sähe es genauso so aus, erklärte der BfR-Präsident weiter. Jeden Winter hätte Deutschland eine Dioxin-Last, die sich aus allen Schornsteinen über das Land lege. Deshalb hätte man in der Dioxin-Krise auch offen sagen können: "Was wollt Ihr eigentlich? In jedem Schnitzel sind Dioxine. Es gibt nichts, was kein Dioxin enthält. Es ist aber so wenig, dass es nicht schadet. Diese ehrliche Relation könne der Verbraucher in der Regel schwer annehmen.

"Unsicherheiten des Verbrauchers muss man mit Aufklärung begegnen!"


"Unsicherheiten des Verbrauchers muss man mit Aufklärung begegnen!" – Diesen Ansatz und eine durchaus positive Resonanz auf Wissensvermittlung, machte Hensel an Zuschauern von Wissenschaftssendungen, z. B. zur Herstellung von Lebensmitteln, fest sowie an dem großen Erfolg des Erlebnisbauernhofs auf der Internationalen Grünen Woche Anfang Januar. "Etwas Verständliches zum Anfassen und ein Bild erklären mehr als tausend Worte", begründete Hensel.

"Die subjektive Risikowahrnehmung kann durch die Verantwortlichen die Auswirkungen des objektiven Risikos vervielfachen."


Die Art der Kommunikation sei entscheidend, aber auch die Risikowahrnehmung beim Empfänger. Dabei spielen Risikomanager, Politiker und die Medien eine große Rolle. "Die subjektive Risikowahrnehmung - d. h. Leugnung, Skandalisierung, Uminterpretation des vorhandenen Risikos - kann durch die verantwortlichen Risikomanager, Politiker oder ähnliche die Auswirkungen des objektiven Risikos vervielfachen. Fast jede mediale Krise erfüllt diesen Tatbestand," so Hensel.


"Bei einem Risikoranking wären das Rauchen von zwei Zigaretten mit Teer genauso "gefährlich" wie hundertfünfzig 200 g-Steaks vom Holzkohlegrill zu essen."


"Das Leben ist voll von Risken - eigene akzeptable Risiken werden definiert je nach Sicherheitsempfinden", erklärte Hensel. Interessant sei das Risikoranking, bei dem man vorhandene Risiken in ein Verhältnis setze: "Wir haben hier die Verhältnismäßigkeit, eins zu Restrisiko, Nullrisiko gegen Restrisiko bei einer Chance von 1:1.000.000 Eintrittswahrscheinlichkeit. Mit anderen Worten, das ist genauso gefährlich wie das, wenn man eine ganz bestimmte Gefahr, einen Hazard definiert." Wenn man entsprechende Rechnungen anstelle, so ergebe sich, dass das Rauchen von zwei Zigaretten mit Teer genauso gefährlich sei, wie hundertfünfzig 200 g-Steaks vom Holzkohlegrill zu essen oder aber ein halbes Blatt Basilikum.
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